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Workshop

Takt und Taktilität

29.-30.11.2018,

Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin


Organisiert von Andrea Erwig, Sandra Fluhrer, Jakob Gehlen und Elisa Ronzheimer

 

Das Verhältnis von Takt und Taktilität – von geregeltem Rhythmus und individueller Abweichung, von Distanz und Berührung – prägt zentrale Fragen der Poetik von der Antike bis in die Gegenwart. Der Workshop möchte diese bislang wenig systematisierte Beziehung aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchten. Ästhetische Verfahren des Takts sowie poetologische und philosophische Reflexionen über den Takt sollen in Verbindung mit Phänomenen des Taktilen, des Berührens und Berührtwerdens untersucht und historisch kontextualisiert werden. Anthropologische, soziale, politische und mediale Zusammenhänge bieten dabei neue Perspektiven.

 

Im 18. Jahrhundert beginnt die Historisierung von Rhythmus-Konzepten, aus der die begriffliche Differenzierung von ‚Rhythmus‘ und ‚Takt‘ hervorgeht. Von dort aus wird die Geschichte des Takts als einer Form geschrieben, deren Abstraktheit den Bezug zum Körper verdrängt, der durch den antiken Rhythmus gewährleistet war. Takt wird damit bestimmt als abstrakte metrische Form in Abgrenzung von einem individuellen (Körper-)Rhythmus – eine Festschreibung, die nicht zuletzt durch die etymologische Verbindung von ‚Takt‘ und ‚Taktilität‘ unterlaufen wird. Zugleich bildet sich im 18. Jahrhundert eine weitere Bedeutungsdimension des Takts heraus als mögliche Form der Regulierung von Nähe und Distanz im Sozialen. Die Zusammenhänge von poetischem und sozialem Takt sind ein Erkenntnisinteresse des Workshops.

 

Seit dem mittleren 19. Jahrhundert tritt mit dem Takt der Maschinen und dem Takt der Arbeit ein Regelsystem auf den Plan, das tief in alle menschlichen Lebensbereiche eingreift und sich auf vielschichtige Weise auf den poetischen und den sozialen Takt auswirkt. Auch als Widerstand gegen den Maschinentakt suchen philosophische und künstlerische Ausdrucksformen um 1900 nach rhythmischer Freiheit und Lebendigkeit. Rhythmus wird (erneut) zu einer zentralen Kategorie in Dichtung, Theater, Tanz, Film und Philosophie. Neben prozessualen Denk- und Ausdrucksformen geraten dabei Momente der Abweichung und Unterbrechung in den Blick, etwa das Stocken, Hinken und Hängenbleiben in Taktstrukturen. Begleitet werden diese Prozesse um 1900 nicht nur von einer Taktung des Alltagslebens, sondern auch von umfassenden physiologischen Studien, die Körperbewegungen vermessen und auf Regelmäßigkeiten untersuchen. In soziologischen und anthropologischen Diskursen des frühen 20. Jahrhunderts gewinnen Debatten um den geregelten Takt im Rahmen der idealtypischen historischen Differenzierung zwischen Gesellschaft und Gemeinschaft neu an Brisanz.

 

Vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen tritt die Relevanz des Verhältnisses von Takt und Taktilität am Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts besonders deutlich zutage: Welche Rolle spielen Takt und Taktilität im Zusammenhang mit der Deregulierung der Arbeitswelt, dem Wunsch nach Entschleunigung und neuen Möglichkeiten einer ‚Selbst-Taktung‘ des Lebensrhythmus? Welche alternativen Takt-Ökonomien werden hierbei hervorgebracht? Welche Funktion kommt in diesem Kontext neuen Medien und Smartphone-Technologien zu? Welche Sinne und Sinnlichkeiten des Takts werden aktiviert oder ausgebildet und welche Verschiebungen von Nähe-Distanz-Relationen lassen sich beobachten?

 

Der Workshop möchte diese Fragen mit dem Ziel diskutieren, einen systematischen Ansatz zur Beschreibung des Verhältnisses von Takt und Taktilität zu erarbeiten.